Der Bosnienkrieg, der von 1991 – 1995 dauerte, und die damit einhergehenden Nachrichten im deutschen Fernsehen, sind für Christian und mich eine Art (bedrückende) Kindheitserinnerung. Die Namen der Kriegsverbrecher Mladic und Karadzic keine Unbekannten. Trotzdem wussten wir eigentlich kaum etwas über das Land und den damaligen Konflikt. Als wir uns entschlossen hatten, nach Sarajevo zu reisen, war daher für uns auch klar, dass wir uns vor Ort mit dieser dunklen Vergangenheit beschäftigen würden.
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Bosnien Herzogowina war seit jeher ein multiethnisches Land. Muslimische Bosniaken, orthodoxe bosnische Serben und katholische Kroaten stellen die drei größten Bevölkerungsgruppen. Aber auch Roma, Juden und Menschen, die sich zu keiner der Gruppen zählen, lebten und leben hier. So wie ich es verstanden habe, war dieses Miteinander aber auch schon immer nicht unbedingt konfliktfrei. Was im Jugoslawien unter Tito noch so halbwegs zusammen gehalten wurde, zerbrach mit dem zunehmenden Zerfall Jugoslawiens. Als Bosnien seine Unabhängigkeit erklärte, brach der Krieg zwischen den einzelnen (großen) Gruppen aus. Was folgte war eine erbarmungslose Auseinandersetzung. Die Hauptstadt Sarajevo war jahrelang eingekesselt und belagert von serbischen Truppen. Dabei liegt die Stadt so ungünstig in einem Talkessel, dass die Menschen dort einem schier unablässigen Bombenhagel von den umliegenden Hängen ausgesetzt waren. 44 Monate lang fielen täglich durchschnittlich 329 Bomben (Artilleriebeschuss, denn die UN hatte eine Flugverbotszone errichtet.). Während unserer Stadtführung „war scars and new times“ beschrieb uns unser Guide Neno eindrücklich das Leben damals. Er selbst ist ungefähr in unserem Alter und erlebte den Krieg als Grundschüler mit Unterricht im Keller und Kartenspielen auf dem Klo während der Bombenalarme. Er erzählte vom „ganz normalen“ Leben während der Belagerung: von der Weigerung seiner Mutter, praktische Kleidung zu tragen, um schneller vor Beschuss davon zu laufen, vom schwarzen Humor der Menschen und von abgelaufenem Dosenfleisch der UN, welches nicht einmal die Hunde fressen mochten. Er zeigte uns die „roses of Sarajevo“, die überall in der Stadt Orte kennzeichnen, an denen mindestens 3 Menschen getötet wurden und das Denkmal für die 1300 getöteten Kinder. Auch wenn Neno immer wieder betonte, dass er keinen wirklichen Groll hegen würde, da seine Familie unerklärlicherweise keine Toten zu beklagen hatte, hörte man in seiner Stimme doch immer auch ein wenig Verzweiflung und Wut über die Kriegsverbrechen der serbischen Seite. Er zeigte uns das Krankenhaus, das heftigem Beschuss ausgesetzt war, obwohl die UN garantierte, dass es nicht für militärische Zwecke genutzt wurde, und das unweit liegende Hotel, indem die internationale Presse wohnten, und das vollkommen unversehrt blieb. Von dem Hotel aus konnten die Journalisten auf die „Sniper Alley“ blicken, ein Straßenabschnitt, der von serbischen Scharfschützen beschossen wurde. Menschen, die diese Straße auf z.B. ihrem Arbeitsweg kreuzen mussten, waren jedes Mal in Lebensgefahr.
Während der gesamten Führung, war ich immer wieder dankbar, für meine Sonnenbrille, unter der ich meine Tränen verbergen konnte. Richtig heftig wurde es aber am nächsten Tag, als wir die Ausstellung zum Genozid von Srebrenica besuchten. Die Kaltblütigkeit, mit der die Truppen der serbisch-bosnischen Seite mehr als 8000 Bosniaken (überwiegend Männer und Jungen zwischen 12 und 78 Jahren) innerhalb weniger Tage ermordeten, das Versagen der UN und die fehlende Bereitschaft eines großen Teils der heutigen bosnischen Serben, den Völkermord anzuerkennen und somit Verantwortung dafür zu übernehmen, lässt einen sprachlos zurück.
Nach dem Massaker von Srebrenica griff die UN bzw. Nato dann doch noch aktiver in den Krieg ein. In den USA wurde mühsam das Abkommen von Dayton verhandelt und der Krieg dadurch beendet. Das Abkommen beendete zwar das Töten, aber in den Schilderungen von Neno und allem, was wir sonst erfahren haben, klingt es, als würden die Frontlinien noch immer durch ein tief gespaltenes Land verlaufen (Ein bisschen erinnerte mich das an den Nordirlandkonflikt. Auch dort hatte unser Guide uns berichtet, dass eigentlich nur das Töten aufgehört hat, ansonsten wäre der Konflikt unverändert.). Der Krieg und die damit einhergehenden Vertreibungen und ethnischen Säuberungen und das Abkommen von Dayton haben einen vollkommen dysfunktionalen Staat geschaffen, in dem alles auf Ethnie ausgerichtet ist. (Bosnien ist heute ein Staat, der aus zwei Ländern besteht: der serbischen Republik Srpska und der Föderation Bosnien und Herzogowina, in der Kroaten und Bosniaken leben. Ein absurdes Wahlsystem zementiert die ethnische Segregation.) Wirkliche Versöhnung, und einen Politik, die aktuelle Probleme abseits der ethnischen Selbstbehauptung angeht, ist praktisch nicht möglich.
Durch die verstörenden Geschichten über die Belagerung, den Krieg und den Völkermord in der Vergangenheit von Bosnien Herzogowina, musste ich auch immer wieder an die aktuellen Konflikte in der Welt denken. Ich kann einfach nicht begreifen, wie grausam die Menschen sind und warum es so viel Hass gibt.
Zum Weiterlesen bzw. -gucken empfehlen wir:
Artikel in der Süddeutschen Zeitung
Arte-Dokumentation auf YouTube











